Good-bye "Aquarius C"


Seit 2009 bereicherte ein optisch wie akustisch auffallender Einzelgänger die Gleise der sächsischen Schmalspurbahnen. Es handelte sich um eine Heeresfeldbahn-Lok vom Typ HF210E aus dem Jahr 1939.

Am Steinbacher Wasserhaus  (Preßnitztalbahn, 28.12.2012)
Am Steinbacher Wasserhaus (Preßnitztalbahn, 28.12.2012)

Die fünffach gekuppelte Halbtender-Naßdampf-Lok verließ am 10.08.1939 mit der Fabrik-Nr. 14806 die Hallen der Borsig Lokomotiv-Werke GmbH in Berlin-Hennigsdorf. Ihre ersten Fahrten verrichtete sie mit der Betriebsnummer "HF 191" beim Baubatallion 512, auf einer 600-mm-Feldbahn während der Räumung des Kessels von Demjansk 1942/43. Wegen der dabei erlittenen Schäden wurde sie zunächst in die Hauptwerkstätten in Baranowitschi im heutigen Weißrussland überführt und danach in den Schwerlasten- und Gerätepark Rehagen-Klausdorf verbracht. Zum Kriegsende verschlug es sie nach Mittersill in Österreich. Dort wurde sie zum alliierten Beutegut.
Noch 1945 wurde sie an die Salzkammergut-Lokalbahn verkauft und war dort mit der Nummer "22" bis 1957 im Einsatz. Danach erfolgte eine Umsetzung auf die Zillertalbahn, dort schleppte sie bis 1972 unter der Betriebsnummer "ZB 4" Güterzüge.

Mit Volldampf aus Schlössel nach Jöhstadt (28.12.2012)
Mit Volldampf aus Schlössel nach Jöhstadt (28.12.2012)

1973 wurde der Maschine eine Generalüberholung gegönnt, danach wurde sie auf die Bregenzerwaldbahn eingesetzt. Auf jener Strecke betreute zwischen 1974 und 1980 die Eurovapor, eine Gemeinschaft europäischer Eisenbahnfreunde mit Sitz in der Schweiz, den nostalgischen Dampfzugbetrieb, die Lok wurde vor Sonderzügen eingesetzt.

Nach der Einstellung der Bregenzerwaldbahn im Laufe des Jahres 1980 wurde die Lok noch im Dezember an den Bielefelder Textilfabrikanten und Eisenbahn- enthusiasten Walter Seidensticker jun. verkauft, der ihr den Namen "Aquarius C" gab und sie nach einer Aufarbeitung vor Sonderzügen wieder auf der Zillertal- bahn einsetzen ließ. Es folgte eine Hauptuntersuchung in der Hauptwerkstadt der Teutoburger Waldeisenbahn in Lengerich, welche sich vier Jahre hinzog und erst im März 1986 abgeschlossen werden konnte. Daran anschließend war die Maschine in Baden-Württemberg auf der Jagsttalbahn eingesetzt. Durch einen Kesselschaden wurde diese Episode 1988 jäh beendet. Da auch zum Jahresende die Jagsttalbahn stillgelegt wurde, kam die "Aquarius C" als Schauobjekt ins Berliner Technikmuseum, wo sie bis 1996 verblieb.
Anscheinend wollte jedoch der Eigentümer seine Maschine lieber aktiv sehen, so bekam sie 1997 eine Aufarbeitung im Raw Görlitz* und wurde anschließend bei der Rügenschen Kleinbahn GmbH als Zuglok für Sonderzüge stationiert. Hier verblieb sie bis zum Ablauf der Kesselfrist 2005.

* Diese Angabe ist strittig. In allen Lebensläufen der "Aquarius C" wird das Jahr 1997 als Zeitpunkt der Aufarbeitung angegeben. Die Quellen zur Geschichte des Raw Görlitz verzeichnen jedoch einstimmig die Schließung des Werkes zum Jahresende 1996. Nur im Forum "Drehscheibe online" gibt es einen User, der die letzte ausgebesserte Dampflok auf den 13.09.1997 datiert (http://www.drehscheibe-online.de/foren/read.php?17,7685192). Was stimmt denn nun...?

Ausfahrt aus Moritzburg nach Radeburg (16.09.2012)
Ausfahrt aus Moritzburg nach Radeburg (16.09.2012)

Nach einer gewissen Abstellzeit, die sicherlich auch dem Chaos um die RüKB 2004 bis 2007 geschuldet war, ging die Maschine nach einer erneuten HU im Dezember 2007 wieder in Betrieb. Da inzwischen die Eisenbahn-Bau und Betriebsgesellschaft Preßnitztalbahn mbH (PRESS) aus Jöhstadt den Betrieb auf Rügen übernommen hatte, verkaufte Walter Seidensticker die Lok 2009 an die PRESS. Diese beheimatete sie im August 2011 in Jöhstadt und setzte sie im Museumsbahnbetrieb auf der Preßnitztalbahn zwischen Steinbach und Jöhstadt ein. Darüber hinaus absolvierte die "Aquarius C" zahlreich Gasteinsätze (nicht nur) auf sächsischen Schmalspurstrecken.
Im Dezember 2016 vermeldete der österreichische Club760 den Erwerb der mit Fristablauf abgestellte Lokomotive für einen Einsatz auf der Taurachbahn. Dazu muß die Lok u.a. von 750 mm auf 760 mm Spurweite umgespurt und von Druckluft- auf Vakuumbremse umgebaut werden. Auf sächsischen Gleisen wird diese markante Maschine also auf Jahre hinaus nicht mehr zu sehen sein. Mach's gut, "Aquarius C"...!

Quellen:
Homepage des Club760 - http://www.club760.at/ sowie Homepage von F. Rieth - http://www.heeresfeldbahn.de