Das "Blaue Wunder" von Dresden


Fährt man per Schiff aus Böhmen kommend die Elbe abwärts, so kündigt sich nach dem Passieren des Elbsandsteingebirges zunächst mit Schloss Pillnitz die sächsische Residenzstadt an. Am danach folgenden Anleger Blasewitz, dem letzten Halt der "Weißen Flotte" vor Erreichen des Stadtzentrums, steht man direkt vor einem der eindrucksvollsten Wahrzeichen der Stadt - dem "Blauen Wunder". Die genietete Bandeisen-Hängebrücke, 270 Meter lang und über dreitausend Tonnen schwer, verbindet die Stadtteile Blasewitz und Loschwitz.

Planung und Konstruktion der Brücke verliefen nicht ohne Probleme. Bereits 1884 existierten drei verschiedene Entwürfe, welche aber die wichtigste Forderung der Dresdner Elbschiffer nicht beachteten. Diese verlangten eine Brücke ohne Pfeiler im Flußbett. Ein neuer Entwurf, welcher diese Forderung erfüllte, zog wiederum den Unmut der Königlichen Wasserbau-Direction (unter Vorsitz des Ingenieurs  und Geheimrates Claus Koepcke) auf sich: jene verlangte "statisch bestimmte Eisenkonstruktionen" als Fahrbahnträger. Daraufhin modifizierte die Königin-Marien-Hütte in Cainsdorf (bei Zwickau) nochmals ihre Pläne, der so entstandene Entwurf wurde dann 1887 beim Sächsischen Landtag eingereicht und von diesem genehmigt.

Die Bauform einer Bandeisenbrücke ist im Prinzip gleich der einer Ketten- oder Seilhängebrücke. Der Unterschied besteht darin, daß im Falle des "Blauen Wunders" die Ketten bzw. Seile durch ein Zugband aus mehreren aufeinander vernieteten Flacheisen ersetzt wurden. Die ausgeführte, damals hochmoderne Konstruktion war vielen Bürgern nicht geheuer. So fuhren zur Abnahme so viele Kutschen wie nur möglich auf die Brücke, auch ließ man eine Kompanie Soldaten darüber hinweg marschieren - das Wunderwerk der Ingenieurskunst hielt allen Belastungen stand.

Die Einweihung der Brücke erfolgte am 15.07.1893 unter dem Namen "König-Albert-Brücke", erst 1912 wurde sie in "Loschwitzer Brücke" umbenannt. Und so heißt sie offiziell noch heute, der Name "Blaues Wunder" wurde im Volksmund geprägt.

Die Bezeichnung "Blaues Wunder" bezieht sich natürlich auf die Farbe des Anstrichs. Hartnäckig hält sich das Gerücht, die Brücke hätte sich "von selbst" verfärbt. Ursache seien Umwelteinflüsse, aufgrund derer sich die Gelbanteile der in Grün gestrichenen Brücke verflüchtigt hätten. Es gibt aber Belege, daß die Brücke von Beginn an blau gestrichen war. Die Geschichte der "Selbstverfärbung" ist an-scheindend eine Zeitungs-Ente aus dem Jahr 1935.

Den Zweiten Weltkrieg überstand die Brücke glücklicherweise unversehrt, durch den Mut mehrerer Bürger wurde sie vor der schon vorbereiteten Sprengung gerettet.

Bundesarchiv Bild 183-1985-0409-018, Dresden, Elbbrücke "Blaues Wunder", Straßenbahn

Seit Eröffnung der Brücke bis zum 09.04.1985 nutzte neben dem Straßenverkehr auch die Dresdener Straßenbahn die Brücke; die Linie 4 nach Pillnitz und die Linie 15 zum Körnerplatz (bzw. bis zum Gleisdreieck Calberlastr.) befuhren das "Blaue Wunder". Über die Gründe für die Einstellung des Straßenbahnverkehrs kursieren verschiedene Darstellungen. Einerseits belasteten die modernen, aber schweren Tatra-Züge die Brücke wesentlich stärker als die bis dahin verkehrenden Fahrzeuge aus den 1950er Jahren (siehe Bild oben), andererseits soll die zu schwache Fahrstromversorgung bis zum Endpunkt Pillnitz die Ursache gewesen sein. Wenige Jahre später, mit der politischen Wende, stieg der Individualverkehr rapide an. Dadurch ist eines der bekanntesten Dresdner Wahrzeichen, auch dank über Jahre hinaus verschleppten Instandhaltungsarbeiten, heute in einem maroden Zustand.